“Sell in May and go away”

by rwilli on 30. April 2009

Wir sind wieder einmal bei einem berühmt berüchtigten Börsenindikator angelangt. Der January Indicator” ist sicher noch in bester Erinnerung. Und der “Sports Illustrated Swimsuit Indicator” wurde auf financeBLOG ja zu einem regelrechten Kracher. Wenden wir uns heute einem der bekanntesten Indikatoren zu: “Sell in May and go away“.

Die Google-Suche verdeutlicht die Popularität dieses Indikators. Rund 127 Millionen Treffer (!) werden angezeigt. Nur gerade die etwas läppische Börsenweisheit “Tief kaufen, hoch verkaufen” dürfte noch bekannter sein.

Der Indikator geht auf die Theorie zurück, wonach es an den weltweiten Aktienmärkten eine gute Periode (“good periods”) von November bis April gibt. In dieser Zeit macht es Sinn, in Aktien investiert zu sein. In den Monaten May bis Oktober (“bad periods”) sollen die tiefsten Renditen erreicht werden. Man sollte dann untergewichtet oder ganz aus den Aktienmärkten raus sein.

20090429 spooze Sell in May and go awayQuelle: Investment Postcards

Nun, wie diese Grafik zeigt, hat der Indikator für den US-Aktienmarkt, gemessen am S&P500, eine gewisse Gültigkeit.

Untersucht man den Zeitraum von 1950 bis März 2009, so hat der Markt in den “guten Monaten” eine durchschnittliche Rendite von +7.9% p.a. gebracht. In den “schlechten Monaten” lag sie lediglich bei +2.5% p.a.

Auch die Analyse des Dow Jones Industrial Average (DJIA) bestätigt die Unterschieden zwischen guten und schlechten Perioden. Die Median-Rendite seit 1900 für die Monate Mai bis Oktober liegt bei +2.89%, während sie für die Monate November bis April bei deutlich besseren +4.12% liegt.

Für die Entwicklung der weltweiten Aktienmärkte wendet man sich üblicherweise an den MSCI World Index. Auch hier scheint der “Sell in May and go away”-Indikator eine gewisse Gültigkeit zu haben. Seit 1969 lag die annualisierte Rendite für die “guten Monate” bei +6.5%, während sie für die “schlechten Monate” bei -1.0% liegt.

Sollte man demnach diesen Indikator als Strategie nehmen und danach handeln? Leider nein! Dazu eine sehr interessante Grafik und ein paar Fakten von Bespoke:

  • Falls jemand seit 1900 jedes Jahr am letzten Tag im April verkauft und dann am letzten Tag im Oktober gekauft hätte, wäre eine Anfangsinvestition von $100 auf anständige $8’001 angewachsen
  • Falls jemand am letzten Tag im April 1900 (30.4.1900) $100 in den DJIA invesiert und dann schlicht und einfach “Buy and hold” angewendet hätte, wären daraus $15’204 geworden, fast doppelt so viel.
  • Falls jemand seit 1900 jedes Jahr am letzten Tag im April short gegangen wäre (hat da jemand Hedge Fund gesagt…?) und am letzten Tag im Oktober die Position gedeckt und long gegangen wäre, hätten sich die $100 auf $527 entwickelt.

20090429 may djia Sell in May and go away

(Quelle: Bespoke)

So überrascht das Fazit von Bespoke zu diesem Indikator nicht mehr. Der korrekte Name wäre “Hold in May and go away“.

{ 11 comments… read them below or add one }

Hugi April 30, 2009 um 07:38

vertritt da jemand eine buy-and-hold strategie? damit du den sommer auf der alp geniessen kannst…

rwilli Mai 1, 2009 um 19:04

@Hugi
Aber nicht doch. Ich und ein Verfechter von Buy&Hold? Es soll hier nur festgestellt werden, dass dieser Indikator fürs Timing in der Vergangenheit kaum etwas getaugt hat.

Daniel Mai 4, 2009 um 11:53

Charttechnisch wäre der Weg bis auf die 5000er Marke im Dax ziemlich frei, dann wirds aber schwer den Widerstand zu knacken.
Die 200 Tages Linie liegt ziemlich im Weg…Ich persönlich glaube nicht, dass der Dax das schafft, aber ich habe auch nicht gelaubt, dass er über die 4800 schaut….

Frank Mai 13, 2009 um 16:48

André Kostolany und auch Deutsch-Banker Hermann Josef Abs sagten ja immer Aktien halten, sich schlafen legen und Banken nicht unnütz mit Provisionen füttern. Die überdurchschnittlich gute Rendite zwischen November und Mai mag an den Jahresabschlüssen in guten Zeiten liegen (sell on good news). Ob das in einer Krise auch gilt? Aber egal. Auf jedem Kurs-Einbruch folgte wieder ein Anstieg. Solange eine Wirtschaft langfristig wächst, sollten Anleger auch langfristig davon profitieren. Nur von Banken sollte man die Finger lassen, wenig Eigenkapital, geringe Margen, übersättigter Markt und wenig Innovation.

rwilli Mai 13, 2009 um 20:35

@Frank
Ein starkes Argument für Buy&Hold? In einer Zeit, in der eine ganze Generation von Aktieninvestoren lernt, wie lange dass langfristig wirklich ist? Bei allem Respekt für A. Kostolany, ich bin nicht überzeugt, dass dies für die nächsten zehn Jahre die richtige Strategie ist. Mit Aktien kaufen und halten hat man in den letzten zehn Jahren nichts verdient. Der Einstiegszeitpunkt bestimmt massgebend die erwartete Rendite der folgenden Jahre. Aber mit der Einschätzung zu Finanzwerten stimme ich voll überein. Hands off.

Frank Mai 13, 2009 um 21:18

@ rwilli
Ich frag ja, ob in Krisezeiten die alten Börsenweisheiten einfach weiter gelten oder man die Krise einfach aussitzen sollte. Aber es gibt durchaus deutsche Aktien, die in den letzten zehn Jahren sehr gut performt haben und trotz den aktuellen Kursrückgängen ihre Aktionäre glücklich machten (MDAX, SDAX). Wichtig ist – und da wirst Du mir zustimmen – dass sich der Investor das Unternehmen und Branche genau ansieht.

rwilli Mai 13, 2009 um 21:33

@Frank
Da stimme ich voll und ganz mit dir überein. Wobei ich die Auswahl von “richtigen” Aktien sehr schwierig finde. Mit Branchen klappt’s da besser. Generell glaube ich, dass “Timing” und “Selektion” in den nächsten Jahren viel wichtiger sein werden als in den letzten 20 Jahren. – Danke für deine spannenden Kommentare, Frank!

telegucker Oktober 12, 2009 um 11:59

Nun, ich habe da ganze andere erfahrungen gemacht, als die herren von bespoke. zunächst muss man mal die methode hinterfragen. was ist mit zinsen und dividenden? short ab mai bis oktober halte ich nicht für zielführend. aber im mai raus aus aktien in zinsen und dann in der letzten woche im oktober wieder rein, ist aus meiner sicht sehr lohnend auch unter dem gesichtpunkt der niedrigeren volatilität des portfolios.

Uwe März 19, 2010 um 08:47

Ich habe ‘Sell in May’ ein wenig per Backtesting untersucht. Das genaue Ein- und Ausstiegsdatum spielt auch eine wesentliche Rolle, darüber liest man aber nicht sehr viel. Man kann das in einer Java-Animation online ausprobieren:

http://www.frog-numerics.com/ifs/ifs_LevelA/SellInMay.html

Und man kann den Effekt dieses jährlichen Zyklus auch ganz gut erklären, wenn man den Market als komplexes System sieht, so wie im Buch ‘Why Stock Markets Crash: Critical Events in Complex Financial Systems’ (vom ETH-Prof. Didier Sornette) gut beschrieben.

rwilli März 19, 2010 um 10:44

@Uwe
Sehr sehr interessant, danke für deinen Kommentar. Hättest du allenfalls Lust dein Backtesting in einem etwas längern Artikel als Gast auf mein Blog zu schreiben? Würde mich freuen.

Uwe April 16, 2010 um 08:36

@ rwilli
Ich habe dir vor etwa 2 Wochen einen entsprechenden Artikel per Email geschickt, ist aber vielleicht in einem Spam-Filter stecken geblieben. Soll ich es noch einmal probieren?

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