Das financeBLOG musste knapp zwei Jahre alt werden, bis es mit dem ersten Gastbeitrag geklappt hat. Aber heute ist es soweit. Uwe von Frog-Numerics hat zum meinem Artikel “Sell in May and go away” vom 30.4.2009 einen interessanten Kommentar geschrieben. Und hat darauf hin sogar meine Bitte für einen Gastbeitrag erfüllt. Herzlichen Dank, Uwe, freut mich sehr!
Sell-in-May: Backtesting, Performance und Hintergründe
Es ist Mai und ‘Sell-in-May’ wird wieder ein Thema. Man findet im Internet verschiedene Artikel und Testdaten. Einige bestätigen die Regel, andere widerlegen sie, und man wird auch nächstes Jahr wieder darüber diskutieren.
Selber nachrechnen ist mühsam. Deswegen habe ich vor längerer Zeit eine interaktive Java Animation zu ‘Sell-in-May’ zum freien Backtesten online gestellt. Dort kann man nicht nur zwischen verschiedenen Märkten wählen, sondern auch festlegen, an welchem Tag im Mai man einsteigen will, und wann genau im Herbst man wieder aussteigt.
Konkret einige Backtesting-Ergebnisse
Das Datum vom Ausstieg und Wiedereinstieg ist wichtig – das scheint weniger bekannt zu sein. Ausstieg am 2. Mai und Einstieg am 26. Oktober liefert sehr gute Ergebnisse in vielen Index-Märkten.
‘Sell-in-May’ wird hier so verstanden, dass man in der Winterzeit long ist, und in der Sommerzeit in Cash ist, also nicht short über den Sommer.
Die Volatilität bei ‘Sell-in-May’ ist generell geringer als bei ‘Buy-and-Hold’. Also weniger Stress beim Investieren bzw. mehr Hebel für Mutige.
Der Dow Jones gibt im Bullenmarkt von 1982 bis 2000 ‘nur’ +13.5% pro Jahr für ‘Sell-in-May’, aber +15.3% pro Jahr für ‘Buy-and-Hold’. Umgekehrt ergibt sich für den Bärenmarkt 1966 – 1982 ein Gewinn von +3.9% pro Jahr, aber ‘Buy-and-Hold’ bewegt sich über 15 Jahre praktisch nicht von der Stelle (-0.33% jährlich). Der deutsche DAX verhält sich sehr ähnlich (mit dem Applet selber ausprobieren!). Der japanische NIKKEI hätte mit ‘Buy-and-Hold’ seit 1990 insgesamt fast 75% an Wert verloren, aber ‘Sell-in-May’ hätte immerhin jährlich +2.4% gebracht.
Die Strategie scheint generell in Bärenmärkten besser zu funktionieren.
Nach kurzem Nachdenken könnte man zu folgender Begründung kommen: Wenn man in einem Bärenmarkt nur die halbe Zeit investiert ist, dann sollte man auch nur die halben Verluste einfahren. Diese Begründung erweist sich aber im Backtesting als falsch.
Wenn man beispielsweise den NIKKEI im Bärenmarkt 1990 – 2010 untersucht (2. Mai – 26. Oktober), dann ergibt ‘Sell-in-May’ durchschnittlich +2.4% Gewinn pro Jahr. Wenn man es aber umdreht, also am 2. Mai einsteigt und am 26. Oktober wieder verkauft, dann verliert man -7.9% pro Jahr, also -92% Verlust nach 20 Jahren. Ein ähnliches Bild ergibt sich für längere Bärenmärkte im DAX und Dow Jones. Eine theoretische Begründung für die auffallend gute ‘Sell-in-May’ Performance in Bärenmärkten wird weiter unten geliefert.
Kann es sich um reinen Zufall handeln?
Je nach Markt und je nach Situation, also mehrjähriger Bullenmarkt oder Bärenmarkt, kann man mit Backtesting die ‘Sell-in-May’ Strategie bestätigen oder widerlegen. Das, und die offensichtliche Bedeutung des richtigen Ausstiegsdatums, führen dazu, dass es so viele verschiedene unterschiedliche Meinungen zu ‘Sell-in-May’ gibt. Es ist aber ein Faktum, dass die Strategie in gewissen Märkten, scheinbar vor allem bei viel beachteten Blue-Chip Indizes, erstaunlich gute Resultate bringt.
Ist das Zufall? Ein sehr wichtiges Kriterium bei solchen Untersuchungen ist die Parameter-Sensitivität einer Strategie. Wenn eine geringe Änderung eines Testparameters, also z.B. des exakten Verkaufsdatums im Mai, zu grossen Änderungen im Ergebnis führt, dann ist eine Strategie unbrauchbar, weil die Zufallskomponente, die es immer in Märkten gibt, dominiert.
Man betrachte den DAX in unserem Online Java Applet. Wenn man jedes Jahr am 2. Mai aussteigt, und am 26. Oktober wieder einsteigt, dann gibt es die besten Ergebnisse bezüglich hohem Return und geringer Volatilität. Variiert man Ein- und Ausstiegsdatum um eine Woche, ändert sich nur wenig im Ergebnis. Die Strategie ist stabil, d.h. die Zufallskomponente ist nur schwach ausgebildet! Das gilt auch in anderen Märkten.
Gibt es für dieses Phänomen eine Erklärung?
Im seinem sehr empfehlenswerten Buch ‘Why Stock Markets Crash: Critical Events in Complex Financial Systems’ beschreibt der Prof. D. Sornette (ETH Zürich), wie Märkte unter dem Gesichtspunkt der Dynamik komplexer Systeme funktionieren: Fundamental-Analysten berechnen einen zukünftigen Preis basierend auf vergangenen Wirtschaftdaten. Chart-Analysten interpolieren zukünftige Preise basierend auf vergangenen Preis-Daten. Vereinfacht gesagt führt das Zusammenspiel dieser beiden Gruppen zu einem komplexen System mit positiver Rückkopplung, Crash-Neigung und Fraktalmustern in Preisen.
Es ergeben sich unter anderem variable Preis-Zyklen auf allen Zeitskalen, die, wie im Buch gezeigt wird, ihre Charakteristik in der Struktur der Vernetzung der Gruppenmitglieder begründet. Mit Vernetzung ist hier der individuelle Informationsaustausch (Nachrichten, Fernsehen, Internet, Gespräch mit Kollegen und Freunden usw.) gemeint.
Eine mögliche Erklärung für das ‘Sell-in-May’ Phänomen lässt sich daher folgendermassen formulieren: Die Marktteilnehmer gewisser Märkte zeigen unterschiedliches Kommunikationsverhalten bzw. unterschiedliches Interesse an Finanznachrichten je nach Jahreszeit. Dadurch ergibt sich ein stabiler Zyklus über lange Zeitperioden.
Wenn jemand in einen Blue-Chip Index investiert ist (z.B. breiter gestreuter Investment-Fund), dann scheint sich das Interesse an Finanzmärkten mit zunehmendem Sonnenschein (auf der nördlichen Halbkugel) und nahenden Ferien zu ändern. Das prägt einen Zyklus von Beginn Mai bis Ende Oktober ein. Für Öl, einem anderen Markt mit anderen Teilnehmern, ergibt sich ein anderer Zyklus, nämlich Mitte August bis Mitte Dezember. Bei Gold, wieder ein anderer Markt, findet sich kein solcher Zyklus – Wo ist die berühmte indische Hochzeits-Saison?
In langen Bärenmärkten mit schmerzhaften finanziellen Verlusten denken Anleger, speziell solche, die nicht beruflich mit Finanzmärkten verbunden sind, gerne an etwas anderes. Die Sommerzeit mit den Ferien bietet sich dafür an. Das verstärkt den Effekt der veränderten Informations-Vernetzung wie oben beschrieben. In Bullenmärkte informiert man sich auch im Urlaub gerne regelmässig über die Gewinne seines Investment-Funds, und ‘Sell-in-May’ ist dann nicht so ausgeprägt.
Eine simple Random Enter / Random Exit Strategie?
Wenn ‘Sell-in-May’ komplett irrelevant wäre, dann würde es eine Random-Enter / Random-Exit Strategie darstellen. Der Return wäre in so einem Fall über längere Zeiträume gleich Null, weil die Wahrscheinlichkeitsdichteverteilung von Preisänderungen von Finanzdaten bekanntlich symmetrisch um Null ist. Über einen definierten Zeitraum ist eine positive Preisänderung ist immer exakt gleich wahrscheinlich wie eine genau gleich grosse negative Preisänderung.
Da komplexe Systeme chaotischer Natur sind, neigen Zyklen nach einer gewissen Zeit zu kippen, also beispielsweise plötzlich die Frequenz zu ändern. Deswegen werden Zyklus-Theoretiker auch immer wieder enttäuscht. Erfolgreiches Investieren mit ‘Sell-in-May’ ist daher nie garantiert, auch wenn das Backtesting in einem bestimmten Markt über lange Zeiträume grossartige Ergebnisse gebracht hat.
Und wie wird es 2010?
Wenn wir uns seit Mitte 2007 in einem länger dauernden Bärenmarkt befinden sollten, wie einige behaupten, dann könnte Anfang Mai 2010 ein guter Zeitpunkt sein, um vorübergehend (bis Ende Oktober?) aus Aktien auszusteigen. Wie man mit dem Java Applet selber ausprobieren kann, hat ‘Sell-in-May’ etwa für den DAX im Gegensatz zu ‘Buy-and-Hold’ seit 2007 keine Verluste gemacht.
Quelle: Uwe, Frog-Numerics










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